Teil II: Beginn und Aufstieg der Volksläufe
Der Funke war entfacht
Es war nicht so sehr das schnelle Finale der lippischen Langstreckler beim Bremer Volksgehen sondern eher das allgemeine sportliche Erlebnis bei dieser Volkslaufveranstaltung, welches die Initialzündung für den Gedanken bewirkte:
„So etwas müssen wir bei uns in Lippe auch machen“, nahmen sich die vier ostwestfälischen Läufer nach dem gerade erlebten ersten Volkslaufes vor.
Eine komplette Volkslaufveranstaltung kurzfristig aus dem Boden zu stampfen, dafür sahen die ostwestfälischen Läufer noch keine Chance. Sie waren junge Aktive und noch nicht die maßgeblichen Entscheidungsträger in ihren Sportvereinen, die eine solche Veranstaltung beschließen konnten. Doch einen Versuch, den Volkslaufgedanken in eine existierende Laufveranstaltung einzuflechten, den könnte man schon einmal wagen und notfalls mit eigener Kraft realisieren, war man sich bald einig.
Der Frühjahrswaldlauf der darauffolgenden Jahres1967 bot sich für die Idee der jungen Aktiven an. Schließlich fand dieser beim TSV Leopoldstal statt, dessen Organisation mit dem engagierten Vorsitzenden Manfred Hinnenthal an der Spitze als leistungsstark und flexibel bekannt war. Außerdem war der TSV Leopoldstal Stamm verein von Horst Böke, der sich mit dem Volkslaufgedanken bei sich daheim spontan voll ins Geschirr warf. Peter Gehrmann und Harald Meierjohann fanden beim TSB-Kreisvorsitzenden Fritz Mahlmann sofort ein offenes Ohr für ihre Volkslaufpläne., wenn auch bei anderen Funktionsträgern eher eine in gewiss verständliche Skepsis spürbar war. Bald stand der entmutigend wirkende Satz im Raum:
„Ihr bekommt keine zwanzig Mann auf die Beine“.
Sie wollten diesen Unkenruf widerlegen, darin waren sich die Träger des ersten Volkslaufgedankens in Ostwestfalen einig und legten sich mächtig ins Zeug… jeder auf seine Weise.
Zum Waldlaufprogramm ein Volksmarsch
Grundsätzlich waren sich die Pioniere der Volkslaufbewegung in Ostwestfalen einig: Man würde den traditionellen Frühjahrswaldlauf des Kreissportbundes nicht durch einen kompletten Volkslauf ersetzen können. Die lippischen Waldlaufmeisterschaften waren schließlich eine gute Tradition, die allen bisherigen Rezessionen des leichtathletischen Laufsportes standgehalten hatte. Das Waldlaufprogramm von den Schülerläufen bis zur Meisterklasse sollte unverändert beibehalten werden. Am Nachmittag des Veranstaltungstages sollte dann allen Bewegungsenthusiasten die Gelegenheit gegeben werden, eine 10 Kilometerstrecke im flotten Schritt zurückzulegen.
Mit dem bereits in Bremen belästerten merkwürdigen Ausdruck Volksgehen konnte sich keiner der Initiatoren anfreunden. Man diskutierte Alternativen wie Volkswanderung oder Volksgang, blieb dann aber letztlich an der Bezeichnung Volksmarsch hängen, die zwar etwas martialisch klang, jedoch von allen bisherigen Wortschöpfungen für das schnelle Gehen für Jedermann noch als die Beste erschien.
Trotz einige Skeptiker im Lippischen Turn- und Sportverband stimmte die Mehrheit die Mehrheit der Entscheidungsträger zu, den Versuch eines Volksmarsches innerhalb der Lippischen Frühjahrswaldlaufmeisterschaften zu wagen. Die Werbung und Vorbereitung zur ersten Volkssportinitiative Ostwestfalens konnte beginnen.
Eine Runde um den Knieberg
Horst Böke hatte als Leopoldstaler Langstreckler mit besten Ortskenntnissen in heimischen Wäldern sofort eine Strecke parat.
„Wir gehen eine Runde um den Knieberg; das dürften vom Leopoldstaler
Sportplatz aus 10 Kilometer sein.“
Der Vorschlag war ein Volltreffer. Die Kniebergrunde hatte alles, was eine gute Volkslaufstrecke haben muss: Eine herrliche Landschaft, feste, wettersichere Wege, nicht allzu harte Steigungen und dazu noch eine entsprechende Demonstrationswirkung beim An- und Rückmarsch durch den Ort. Auch die gewünschten 10 Kilometer kamen bei einer ausgleichenden Halbrunde um den Sportplatz problemlos zusammen.
Die Leopoldstaler zogen voll mit… und selbst der Landrat kam
Maßgeblich zum Gelingen des ersten ostwestfälischen Volksmarsches war die erfreuliche Tatsache, dass die Leopoldstaler sich mit der Idee sofort identifizierten. Alle vorhandenen Werbetrommeln wurden gerührt. Jeder wollte irgendwie mit dabei sein. Kontakte zu auswärtigen Sportlern bewährten sich wie auch das Werben durch Presseveröffentlichungen. Der anstehende Volksmarsch in Leopoldstal wurde ein Lauffeuer in der lippischen Sportwelt.
Politiker erkannten den guten Kern wie auch die Popularitätsförderlichkeit der Volkslaufidee. Der lippische Landrat, der Detmolder Oberkreisdirektor und Landtagsmitglieder meldeten sich an und rissen viele mit. Sehr schnell wuchs die Meldeliste über hundert bis auf nahe 500 Starter an.
Die Uniformierten untereinander ausgespielt
Um dem Mannschaftsgedanken uniformierter Einheiten gerecht zu werden, hatten man innerhalb des Volksmarsches einen gesonderten Mannschaftswettbewerb für die Uniformierten ausgeschrieben.